Kurzgeschichten
Antiquariat D. Haberstock
Klara erbt das Antiquitätengeschäft ihres verhassten Vaters
Klara drehte den Schlüssel zweimal nach links und rüttelte ein paar Mal kräftig an dem Türknauf der alten Holztür. Sie atmete tief durch.
Der Dielenboden beschwerte sich mit einem lauten Knarren, als sie sich ihren Weg vorbei an staubigen Truhen und vergilbten Kerzenständern bahnte. Sie stieß mit ihrem Fuß gegen eine Kommode und eine der Porzellanfiguren fiel krachend zu Boden. Klara schrie vor Schreck auf.
Beruhig dich, dachte sie und versuchte ihren pochenden Herzschlag zu normalisieren. Niemand ist hier. Plötzlich hörte sie ein Flüstern. Sie drehte sich hektisch im Kreis, blickte sich um, suchte nach dem Ursprung des Geräusches. Ihr Blick blieb auf dem Gemälde eines toten Mannes hängen. Er lag in einem ausgetrockneten Flussbett mit einer detailliert gezeichneten Wunde am Kopf. In der linken unteren Ecke des Bildes war in blutrot eine kleine 11 gezeichnet. Hatte er ihr etwa zugeflüstert? Das Bild lehnte auf einer verglasten Vitrine, die einen tödlichen Schatten hinter sich warf. Das perfekte Versteck.
Sie keuchte schwer.
Plötzlich ein Pfeifen, diesmal direkt hinter ihr. Sie sind zu zweit, dachte sie entsetzt. Und sie wissen es. Sie stand völlig erstarrt in der Mitte des Raumes, unfähig sich zu bewegen. Der Wind rüttelte an dem alten Gebäude und pfiff widerstandslos durch die schlecht abgedichteten Fenster, so als wären sie aus Papier. Ein Luftzug strich ihr über die Wange und ließ sie frösteln. Der Wind!
Sie lachte erleichtert auf. Diese verdammte Bruchbude würde sie irgendwann noch einmal in den Wahnsinn treiben! Am liebsten hätte sie ihr ungewolltes Erbstück direkt verkauft, doch selbst mehrere Meter unter der Erde war die Autorität ihres Vaters noch nicht gebrochen. Antiquitätenhandel Dietmar Haberstock zierte in roten Lettern das rostige Schild über der Eingangstür des Hauses und Klara hatte sich notgedrungen mit ihrer Rolle als Kunsthändlerin und Besitzerin der baufälligen Ruine arrangiert. Doch es gab auch einige Vorteile. Ihr Schwein von Vater würde zumindest nicht mehr zurückkommen.
Die Wut auf ihn ließ sie ihre Panik vergessen und nach einem prüfenden Blick durch den verwinkelten Verkaufsraum zog sie sich, nachdem sie das Licht gelöscht hatte, in die Sicherheit ihres Ateliers zurück.
Klara hatte den verborgenen Raum durch Zufall hinter einer fast unsichtbaren Schiebetür direkt hinter dem Verkaufstresen entdeckt. Sie vermutete, dass es früher einmal eine Art Vorratskammer gewesen sein musste. Nun war es ihr geheimer Rückzugsort, ihr Versteck, ihr sicherer Unterschlupf. Niemand wusste davon. Und dabei musste es auch unbedingt bleiben. Hier konnte sie ihrer Leidenschaft nachgehen und ungestört malen und zeichnen, sich ausleben und einfach nur sie selbst sein. Nur hier fühlte sie sich sicher.
Sie hatte ihr kleines Reich hingebungsvoll eingerichtet. Die linke Wand zierte ein schönes modernes Regal mit ihrer großzügigen Sammlung an Acrylfarben, fein säuberlich beschriftet und nach Farbtönen sortiert. Zahlreiche Kerzen sorgten für ein schattenfreies, warmes Licht und am oberen Ende befand sich das Herzstück des schmalen Raumes: die Staffelei. Ihr Vater würde sich auf sie stürzen, wenn er sie jetzt hier sehen könnte und wüsste, dass Klara ihre ganz spezielle Kunst nun in seinem Antiquariat zum Kauf anbot. Es war plötzlich so einfach geworden. Sein Tod war ihre Eintrittskarte in die Welt der Kunst gewesen. Sie spannte ihre selbst gemalten Bilder einfach in barocke Bilderrahmen und bot sie zwischen den anderen Gemälden in ihrem Laden an. Niemand hinterfragte den Ursprung der Gemälde, schließlich war Klara mittlerweile respektable Besitzerin eines Antiquitätenhandels. Danke, Papa, dachte sie und lachte laut los.
Nachdem sie ihren Pinsel routiniert gesäubert hatte, tauchte sie ihn in ein dunkles Braun und setzte mit ruhiger Hand die ersten vorsichtigen Striche auf die Leinwand. Heute wollte sie ihr aktuelles Gemälde vervollständigen, ihre Lieblingsstelle in einem Wald eine halbe Stunde außerhalb der Stadt. Es war eine wunderschöne Lichtung, jederzeit menschenleer und bei Abenddämmerung ein magischer Ort. Sie atmete tief durch, schloss die Augen und kehrte zurück in das Waldstück, saugte die klare Luft durch ihre Nasenlöcher. Es roch nach feuchter Erde und frischem Laub. Das Licht der Abenddämmerung wärmte ihr wieder das Gesicht, denn die Sonne stand exakt so am Horizont, dass die Schatten der mächtigen Bäume ausreichend Platz für den Höhepunkt des Kunstwerkes in der Mitte des Bildes ließen. Ein lautes Knarren riss sie abrupt aus ihrer Konzentration.
Innerhalb von Sekundenbruchteilen war sie wieder zurück in ihrem Atelier. Ihr Herz begann zu rasen. Klara griff nach dem Spachtel mit Metallspitze, mit dem sie normalerweise ihre Farben mischte und öffnete geräuschlos die Schiebetür. Sie schlich vorsichtig hinter den Tresen. Adrenalin durchflutete ihren Körper und machte aus ihrer Furcht eine Bereitschaft zur Verteidigung. Niemand durfte in ihr Reich eindringen. Niemand! Laut schreiend stürmte sie aus ihrem Versteck, drückte beinahe zeitgleich auf den Lichtschalter und fand sich in ihrem leeren Verkaufsraum wieder. Schwer atmend und mit dem Spachtel in der rechten Hand blickte sie sich um. Sie war vollkommen allein. Obwohl… War die Tür der dunklen Bauernkommode vorhin auch schon offen gewesen? Hatte ein Kunde sich heute für diese Kommode interessiert? Klara erinnerte sich nicht. Auf einmal begann sie hysterisch zu kichern. Am Ende wussten sie es, doch sie sind nicht hier. Niemand ist hier. Du bist sicher, Klara. Ihr Verstand hatte ihr wieder nur einen Streich gespielt. Oder ihr Vater hatte beschlossen als Geist sein altes Antiquariat heimzusuchen. Sie lachte herzhaft. Soll er mich doch heimsuchen, er hat keine Macht mehr über mich. Noch immer kichernd löschte sie das Licht und kehrte in die Geborgenheit ihrer Kammer zurück.
Dort massierte sie sich zunächst die Angespanntheit aus ihren Handballen und betrachtete den Fortschritt des Gemäldes. Die Stimmung im Wald hatte sie hervorragend eingefangen, nur das Zentrum ihres Bildes wies noch die entscheidende Lücke auf, das Highlight, worauf sich die Augen des Betrachters direkt richten würden. Sie schüttelte ihre Hände aus und griff nach einem feineren Pinsel. Volle Konzentration.
Sie setzte den Pinsel an und zeichnete vorsichtig die Kontur eines sitzenden Mannes. Er saß mit dem Rücken an einen kräftigen Baumstamm gelehnt. Seine Beine waren lang ausgestreckt. Die Figur strahlte Ruhe aus.
Sobald die Umrisse zu ihrer Zufriedenheit gezeichnet waren, ging sie zu ihrem Regal, um die Farbtube mit der Nummer 12 herauszuholen und mischte hingebungsvoll einen wunderschönen, lebendigen Rotton auf ihrer Palette zusammen. Sie tauchte den Pinsel behutsam hinein und malte detailliert die klaffende Wunde an der rechten Schläfe des Mannes.
Eine wirklich prächtige Wunde.
Sie hatte nur drei Mal zuschlagen müssen, bis er aufgehört hatte zu zappeln.
Drei weitere kräftige Schläge sorgten dann für ausreichend Blut, um sich etwas davon abzufüllen, damit sie ihren Rottönen später mit ein paar Tropfen die notwendige Lebendigkeit verpassen konnte.
Nach dem ersten Mal hatte sie direkt mit Blut gemalt und dabei vergessen, dass es nach dem Trocknen einen schmutzigen Braunton annahm. Anfängerfehler.
Als letzten Arbeitsschritt signierte sie ihr Kunstwerk wie gewohnt in der unteren linken Ecke mit ihren Initialen K.H. und malte in Blutrot eine kleine 12 daneben. Klara betrachtete ihr Bild und lächelte zufrieden. Kunst lebte einfach von der Authentizität.
Bärli
Der Fund von Lenas altem Kuscheltier Bärli reißt bei ihr alte Wunden auf.
Ich hatte sieben lange Jahre in der Dunkelheit gewartet, als sich plötzlich die Decke über mir öffnete und grelles Tageslicht meinen Dämmerschlaf beendete. Noch ehe sich der Staub gelegt hatte, wurde ich sanft in die Luft gehoben und als ich mich mit glasigem Blick an die ungewohnte Helligkeit gewöhnt hatte, blickte ich in Lenas lächelndes Gesicht.
Sie war eine erwachsene Frau geworden. Doch in ihren leuchtenden Augen erkannte ich noch immer Spuren des kleinen schüchternen Mädchens, deren Glück mir mehr als alles andere am Herzen lag. Wie sehr hatte ich dieses wunderschöne Lächeln vermisst! Sie klopfte mir vorsichtig den Staub aus dem Fell und trug mich vom Dachboden herunter in die Wärme ihres Schlafzimmers. Es roch nach frisch gewaschener Bettwäsche.
„Schatz! Sieh mal, was ich gefunden habe!“, rief sie aufgeregt.
„Was ist denn das?“ fragte Tom. Zum ersten Mal sah ich den Mann, dessen Stimme ich bisher nur gedämpft gehört hatte, als er meine Kiste nach dem Umzug auf den Dachboden des neuen Hauses trug. Aus seinem Blick sprach Liebe, das erkannte ich auch nach so vielen Jahren in der Dunkelheit sofort.
„Das ist Bärli.“
„Und wer oder was ist bitte ein Bärli?“ Er lachte.
„Mein altes Kuscheltier! Ich habe ihn seit Ewigkeiten nicht gesehen, ich dachte, er wäre verloren gegangen. Früher hat er immer so eine Melodie gespielt, damit bin ich als kleines Kind jede Nacht eingeschlafen. Warte.“ Sie zog an der vergilbten Schnur, die aus meinem Rücken herausragte. Doch nichts geschah. Ich blieb stumm. Und ich schämte mich für meine Unfähigkeit. „Er scheint kaputt zu sein“, sagte Lena frustriert.
„Wie ging die Melodie denn?“, fragte Tom neugierig.
Unter Lenas Enttäuschung über meinen Defekt mischte sich nun etwas anderes, etwas Ernsthaftes. Ich wusste nicht genau, wie ich ihren Blick deuten sollte.
„Ich erinnere mich nicht mehr“, sagte sie ungläubig und fuhr voller Tatendrang fort: „Weißt du was? Ich glaube, ich lasse ihn reparieren. Heutzutage kann man doch alles irgendwie reparieren.“
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich würde wieder singen können, ein Teil von Lenas Leben sein und endlich wieder einen Zweck erfüllen! Und so wurde ich auf der Eck-Kommode im Schlafzimmer positioniert und wartete darauf, dass man mir meine Stimme zurückgab. Ich teilte mir die Kommode voller Aufregung mit Bilderrahmen, gefüllt mit unzähligen von Lenas Erinnerungen aus den letzten Jahren, die ich allein in Stille verbracht hatte. Trotz meiner unendlichen Vorfreude zwang ich mich dazu, geduldig zu sein.
Doch zu meiner Enttäuschung war Lenas Begeisterung über unser Wiedersehen schnell verflogen. In meinem Fell sammelte sich langsam wieder etwas Staub an und der Geruch nach frischer Wäsche wurde mit jedem Tag schwächer, bis er irgendwann überhaupt nicht mehr wahrnehmbar war. Lena blickte gelegentlich verstohlen in meine Richtung. Kurze, schnelle Blicke, beinahe so, als fürchtete sie mich. Ich war ratlos, doch ich war noch immer stumm. Und ich hörte immer häufiger, wie sich Tom und Lena stritten.
„Was ist denn nur los mit dir in letzter Zeit?“ Die Kälte in seiner Stimme ließ mich selbst in der Wärme des Schlafzimmers frösteln. „Seit du dieses komische Kuscheltier vom Dachboden geholt hast, bist du nur noch gereizt und sprichst kaum noch mit mir. Was ist nur los mit dir? Ist etwas mit dem Kind?“
Ich bekam nur Teile der Streitigkeiten mit, doch ich freute mich zu hören, dass Lena schwanger war. Vielleicht wollte sie mich reparieren, damit ich ihrem Kind dieselben Dienste wie ihr erweisen konnte. Schließlich erinnerte ich mich noch ganz genau daran, wie sich Lena als kleines Mädchen an mich klammerte, wenn ihr die Welt wieder einmal zu groß und beängstigend vorkam. Wie ich ihr die Melodie vorspielte und sie in den einsamen Nächten tröstete, wenn die Eltern wieder einmal nicht da waren. Und wie sie ihr kleines Gesicht ganz fest in mir vergrub, damit mein Gesang das Geschrei ihrer Eltern übertönte, wenn sie doch einmal zuhause waren. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als wieder für Lena singen zu können, wenn sie nach einem der immer öfter auftretenden Streits zu mir ins Schlafzimmer kam und ich sah, wie Tränen ihre Wangen hinabflossen.
Die vielen Diskussionen gipfelten wenige Tage später in einer besonders heftigen Auseinandersetzung. Ich hörte, wie Tom wütete und giftete, wie sehr Lena ihn mit ihren Launen verunsicherte und dass er sich mittlerweile nicht einmal mehr sicher war, ob sie sich überhaupt noch auf ihr gemeinsames Kind freute. Wäre ich nicht stumm gewesen, hätte ich vor Entsetzen protestiert! Der Streit wurde heftiger und irgendwann stürmte Lena wutentbrannt in das Schlafzimmer und setzte sich mir gegenüber auf das Bett. Ich war dazu verdammt zu warten, sie anzustarren, zu schweigen. Unsere Blicke trafen sich und auf einmal stürzte sie auf mich zu, packte mich und schleuderte mich voller Wut gegen die Wand des Schlafzimmers. Ich landete auf dem Rücken und blickte verwirrt die Decke an. Wieso richtete sich Lenas Wut gegen mich? Im nächsten Augenblick blickte ich in ihr tränennasses Gesicht und ihre Fausthiebe prasselten auf mich ein. Immer und immer wieder. Ich verstand die Welt nicht mehr.
Tom kam in das Zimmer und schien die Situation besser zu verstehen als ich. Er kniete sich neben Lena und nahm sie behutsam in den Arm, hielt sie einfach nur fest, bis ihr Schluchzen langsam verstummte und sie sich beruhigte.
„Ich erinnere mich wieder an die Melodie“, sagte Lena leise.
Und sie erzählte ihm von ihrer Kindheit, von all dem vergessenen Schmerz, der mit meinem Auftauchen wieder zurückgekommen war. Davon, wie ich jahrelang ihr einziger verlässlicher Freund war und sie die traumatischen Erlebnisse hatte durchstehen lassen. Und sie sprach von ihrer Angst davor, eine schlechte Mutter zu werden und dieselben Narben wie ihre Eltern zu verursachen. Sie sprachen lange miteinander und diese traumatischen Geschichten aus Lenas Mund zu hören, schmerzten mich, obwohl ich all diese Erlebnisse mit ihr geteilt hatte.
„Besser?“, fragte Tom, nachdem Lena für einige Minuten verstummt war.
„Besser.“ Sie lächelte ihn vorsichtig an.
Und auch ich lächelte in mich hinein, denn in diesem Augenblick verstand ich, dass meine Aufgabe hiermit endgültig abgeschlossen war.
Lena griff nach mir, klopfte mir vorsichtig den Dreck aus dem Fell und trug mich zurück auf den Dachboden. Vielleicht war es in Ordnung, dass ich stumm bleiben würde. Ruhe bedeutete schließlich, dass alles in Ordnung war. Sie legte mich behutsam in meine Kiste und betrachtete mich lange. Bevor sie die Kiste schloss und mich für immer zurück in die Dunkelheit brachte, lächelte sie mir noch einmal zu.
Aus ihrem Blick sprach Dankbarkeit.
Der Edelmann im Walde
Ein kleines Märchen.
Es war einmal ein Edelmann, der bei Mondschein durch den Wald neben seinem Schloss wanderte. Er liebte diesen Wald und hatte es sich zur abendlichen Gewohnheit gemacht, nach dem Verrichten seiner Staatsgeschäfte seine kratzige Perücke aus Rosshaar abzulegen und durch das beruhigende Tannengrün zu spazieren. Der Mond stand sichelförmig am Firmament und ließ die Bäume in einem silbrigen, beinahe magischen Licht erstrahlen.
Nach einer Weile begegnete ihm ein Fuchs am Wegesrand. Normalerweise sah er die Tiere des Waldes nur sehr selten, und so wunderte er sich darüber, dass dieser Fuchs nicht buckelte oder davonlief, sondern nur ruhig da saß und ihn anblickte.
„Du bist aber ein schönes Wesen, kann ich dich denn streicheln?“, sprach er das Tier an.
Zu seiner Verwunderung antwortete ihm der Fuchs. „Guten Abend, werter Edelmann, welch Überraschung, Sie hier in meinem Wald zu treffen.“
„Dein Wald?“, sagte der Edelmann erstaunt, „ich dachte, dieser Wald gehört zu meinem Grundstück.“
„Die Wälder gehören den Vögeln, den Hirschen, den Fröschen, den Bäumen und den Flüssen. Ganz sicher jedoch nicht den Edelmännern.“
Er empfand nun keinerlei Drang mehr, das Tier zu streicheln. „Dies ist mein Wald“, stieß er wütend aus, „und ich muss mir von einem frechen Fuchsvieh nicht etwas anderes erzählen lassen. Du solltest dich lieber davon machen, bevor ich die Jagdhunde aus meinem Schloss auf dich hetze!“ Mit diesen bedrohlichen Worten ließ er den Fuchs am Wegesrand stehen und setzte seinen Weg fort.
Wenig später hörte er ein surrendes Geräusch an einem Baum und entdeckte eine Biene.
Zu seiner Überraschung sprach ihn dieses Tier ebenfalls an: „Seid gegrüßt, werter Edelmann. Ich bin äußerst hungrig, ihr habt nicht zufällig ein Honigbrot als Proviant in euren Taschen?“
„Nein“, erwiderte er, „mein Proviant besteht einzig und allein aus einer Flasche Wein.“
„Könnte ich Euch denn dann später zurück in euer Schloss begleiten und dort ein wenig Nahrung aus eurer Vorratskammer mitnehmen, um meinen Hunger zu stillen?“
Der Edelmann musterte sie zornig. „Du hast in meinem Schloss überhaupt nichts verloren.“
„Wieso wollt ihr mich nicht bei euch dulden, wo wir Tiere des Waldes Euch doch hier in unserem Wald dulden?“
„Dieser Wald gehört mir, das habe ich schon diesem merkwürdigen Fuchs erzählt! Und jetzt surr´ davon, bevor ich dich durch diesen Flaschenhals quetsche und dich darin ersäufe.“ Er schwenkte bedrohlich mit seiner Weinflasche und setzte, die Biene nicht weiter beachtend, seinen Weg fort.
Während er weiter spazierte, wunderte er sich über die letzten Begegnungen. Plötzlich schien sich die Stimmung im Wald zu verändern. Er hörte schnarrende Geräusche, der Wald um ihn herum schien sich zu verdunkeln, der Mond am Himmel verlor seine Kraft und sorgte gerade noch für ausreichend Lichteinfall, dass er den schmalen Weg vor sich erkennen konnte, und ihn beschlich Furcht. Er beschleunigte seine Schritte und rannte vor Angst, er floh vor der bedrohlichen Kulisse des Waldes, bis er durch ein Dickicht hinab stürzte und sich am Ufer eines kleinen Sees wiederfand.
Er rappelte sich auf und bewegte sich langsam auf das Wasser zu, wie magisch angezogen, Stille um ihn herum, nur das Klackern seiner Stiefel auf dem steinigen Untergrund war noch zu hören. Während er sich über den See beugte und sein angstverzerrtes Gesicht in dem Wasserspiegel betrachtete, versuchte er, sich zu beruhigen und atmete tief durch.
„Kein Grund, sich zu fürchten!“, sprach er laut zu sich selbst. Er kannte seinen Wald wie seine Westentasche und musste nur diese kindische Angst ablegen und zurück in seine Burg wandern. Sein Spiegelbild schien ihm beizupflichten. Gerade als er sich umdrehen wollte, fing die Wasseroberfläche bedrohlich an zu vibrieren. Er hob langsam seinen Blick und erspähte in der Ferne ein riesiges Wesen, das auf ihn zu schwamm und eine gewaltige Bugwelle vor sich aufschäumte. Der Edelmann geriet erneut in Panik, doch er war wie gelähmt und unfähig, sich zu bewegen. Nach wenigen Augenblicken befand sich das Wesen direkt vor ihm und er blickte in ein riesiges, von spitzen Zähnen gespicktes Fischmaul.
„Bitte, bitte friss mich nicht!“, flehte er.
„Hör auf mit dieser Katzenmusik“, zischte das Fischwesen. „Du bist hier in unserem Wald und ich dulde kein Gejammer und keine Respektlosigkeiten. Der Fuchs und die Biene haben mir von deinen Drohungen und Unverschämtheiten berichtet. Dieser Wald ist unser und nicht der deine. Ich lebte bereits lange in diesem See, bevor der erste Mörtel für dein Steinhaus angerührt wurde. Du bist hier nur unser Gast. Dies ist deine letzte Warnung!“ Der Fisch tauchte ab und verschwand in den dunklen Tiefen des Sees.
Der Edelmann verstand die Warnung und gestand sich sein fehlerhaftes Verhalten ein. Von diesem Tage an verhielt er sich bei seinen abendlichen Spaziergängen im Wald nicht mehr wie ein Herrscher, sondern wie ein Freund und Gast.
Und so lebten er und die Tiere des Waldes noch lange in gegenseitiger Freundschaft zusammen, ohne dass das Fischwesen je wieder auf dem See auftauchen musste.
Die Bahnfahrt
Ein Mann fährt nervös in der Bahn zu einem wichtigen Termin.
Nur noch drei Stationen.
Innerlich war er ruhig, auch wenn sein Körper ihn ziemlich penetrant vom Gegenteil zu überzeugen versuchte. Bereits zu seinen Schulzeiten hatte er unbewusst immer mit seinem rechten Bein gezappelt, wenn er nervös war. Er war geradezu machtlos dagegen. Manchmal war es nur ein leichtes Wippen. Manchmal, so wie jetzt, ein schnelles Auf und Ab, so als versuchte er, mit seiner Ferse ein Loch in den Boden der Straßenbahn zu stampfen. Das einzige Gegenmittel waren normalerweise Bewegung, Sport, ein Spaziergang, doch er konnte noch nicht aussteigen. Er musste bis zu seiner Zielstation Rathaus fahren, auch wenn er sich insgeheim wünschte, die ihm bevorstehende Angelegenheit nicht erledigen zu müssen. Er versuchte, sich zu konzentrieren und den Text noch einmal in seinen Gedanken durchzusprechen. „Moin, mein Name ist…“
Tapp, Tapp, Tapp.
Dieses verdammte rechte Bein machte ihn wahnsinnig.
Nur noch zwei Stationen.
Er bekam sein Bein nicht in den Griff, auch nicht, indem er versuchte, es mit seinen feuchten Händen nach unten zu drücken. Wenigstens konnte er die Oberfläche seiner Jeans so als Handtuch zum Trocknen verwenden. Dabei wusste er, dass diese Nervosität überhaupt nicht notwendig war, schließlich hatte er sich bestmöglich vorbereitet. Nachdem sich alles so abrupt verändert hatte, bestanden die ersten Wochen hauptsächlich aus Verleugnung. Er schob es so lange auf, bis sein Stolz durch Notwendigkeit ersetzt wurde und er für sich die alles verändernde Entscheidung getroffen hatte, zu der er jetzt auch stehen wollte. Sein Körper schien ihm das einfach nur nicht glauben zu wollen. Viele vor ihm waren diesen Weg bereits gegangen, wieso sollte es bei ihm nicht klappen? Das erste Mal war schließlich immer am schwersten und kostete die meiste Überwindung. Das war doch nur menschlich. Und jetzt war es so weit, also was sollte dieses nervige Gezappel? Der Text saß, er hatte sich die Haare ordentlich gekämmt, seinen Bart gestutzt, seine besten Klamotten angezogen und sich sogar neue Schuhe für den heutigen Anlass besorgt.
Tapp, Tapp, Tapp.
Nun ja, nicht ganz neu. Er hatte sie gebraucht bekommen mit einem kleinen Loch an der rechten Ferse, aber das fiel sicher niemandem auf.
Nur noch eine Station.
Er stellte ohne große Überraschung fest, dass er einer der wenigen Menschen war, die sich überhaupt umschauten. Jeder Einzelne seiner Mitfahrer kämpfte sich, genau wie er, tagtäglich durch diesen Großstadtdschungel. Anstatt sich mit Macheten einen Weg durch das Gestrüpp zu hacken, war Ignoranz das bevorzugte Werkzeug. Kopfhörer signalisierten, dass sie allein und ungestört sein wollten. Der mechanische Blick nach unten in das Smartphone zeigte allen anderen, dass sie Besseres zu tun hatten, als sich mit ihrer Umwelt zu befassen. Unauffällige Individualisten, überhaupt nicht mehr individuell in diesem Gewimmel von geschäftstüchtigen Ameisen.
Tapp, Tapp, Tapp.
Sich über seine Mitfahrer aufzuregen brachte ihn auch nicht weiter, also versicherte er sich mit einem kurzen Blick in das gegenüberliegende Fenster noch einmal, dass er einen ordentlichen Eindruck machte. Er sah auffällig unauffällig aus und wirkte irgendwie ein bisschen durchsichtig. Doch er durfte nicht mehr unsichtbar sein, er musste sichtbar werden, um sein Leben wieder in die richtige Richtung zu lenken. Er musste der Sache wirklich eine Chance geben, es war wichtig für ihn.
Tapp, Tapp, Tapp.
Die mechanische Stimme aus dem Lautsprecher kündigte Rathaus als nächste Haltestelle an. Ausstieg in Fahrtrichtung links.
Er atmete tief durch und stand auf. Jetzt gab es kein Zurück mehr, er würde zu seiner Entscheidung stehen. Seine Hand wanderte suchend in das Dunkel seiner linken Hosentasche. Er umklammerte ein paar Münzen, nahm diese heraus und klimperte ein wenig damit, um die Aufmerksamkeit der unaufmerksamen Masse zu erregen.
„Moin, mein Name ist Sven. Entschuldigen Sie bitte die Störung! Ich lebe seit Kurzem auf der Straße und wenn Sie vielleicht etwas zu essen oder zu trinken oder ein bisschen Kleingeld übrig haben, würden Sie mir wirklich sehr helfen. Dankeschön. Entschuldigen Sie bitte noch einmal die Störung.“
Sein Bein hatte aufgehört zu zappeln. Sven machte sich gemächlich auf den Weg durch die endlosen Reihen der Bahn, einer besseren Zukunft entgegen. Tapp. Tapp. Tapp.
Stamprietfontein 1905
Vater und Sohn warten vor ihrem Dorf auf die heranrückenden Deutschen.
„Kido. Kido. Wach auf, mein Junge!“ Vater rüttelte ihn unsanft an den Schultern. „Ich glaube, ich habe etwas gehört. Zieh den Kopf ein.“
Er war sofort hellwach. Kido fror. Der Boden, auf dem er kauerte, hatte seine Wärme an die sternenklare Nacht abgegeben. Vielleicht war es auch die Angst um seinen Vater Botho, die ihn zittern ließ. Der stolze Nama-Krieger, der Mann, den er für seine Kraft und Entschlossenheit bewunderte. Sie waren dunkel gekleidet, damit niemand sie in ihrem Aussichtspunkt auf der Anhöhe entdecken konnte. Er spürte die Präsenz seines Vaters und seine angespannten Muskeln mehr neben sich, als dass er ihn sehen konnte.
„Meinst du, sie kommen Vater?“
„Pst, sei ruhig. Sieh mal, dort.“
Es raschelte in einem der Büsche am Hang. Kido starrte mit verschlafenem Blick in die Dunkelheit vor ihm. Aus dem Busch trat kaum erkennbar ein Warzenschwein und trottete gemächlich durch die Nacht, vermutlich auf der Suche nach Nahrung.
„Zum Glück nur ein Tier, nichts weiter.“
Die Anspannung fiel von ihnen beiden ab. Kido atmete erleichtert auf.
„Warum hast du mich schlafen lassen, Vater?“
„Du brauchst deinen Schlaf, mein Junge. Wenn der Moment kommt, musst du ausgeruht sein.“
Kido hatte gar nicht gemerkt, dass er eingeschlafen war. Es konnten höchstens fünf Minuten gewesen sein und doch wunderte er sich darüber, wie dunkel es geworden war. Er schämte sich. Sie hatten eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, und es war eine Ehre für ihn, dass er ausgewählt worden war, um seinen Vater zu begleiten. Der Jahreswechsel war unbemerkt an ihnen vorbei gegangen, es gab heute keinen Grund zum Feiern.
Es verging einige Zeit, während die beiden still und angestrengt Ausschau nach den heranrückenden Feinden hielten. Es war still um sie herum, eine Stille, die beinahe in den Ohren schmerzte. Kido musste sich konzentrieren, um seinen Blick nicht von der Sternenpracht ablenken zu lassen. Solange er sich zurückerinnern konnte, waren die Sterne immer da gewesen. Genau wie er und sein Volk.
„Vater? Warum kämpfst du gegen sie?“
Sein Vater blickte gedankenverloren in die Ferne, während er leise zu sprechen begann.
„Du hast das Warzenschwein doch gerade gesehen, oder? Wir leben in einer fruchtbaren Gegend, mein Sohn. Der Auob speist unsere Felder mit Wasser und sorgt für ausreichend Nahrung für unsere Rinder und uns. Wir können besser leben, als die anderen Stämme weiter nördlich. Das müssen wir verteidigen. Dies ist unser Land, Stamprietfontein ist unsere Heimat. Die Deutschen haben hier nichts zu suchen.“
„Aber letztes Jahr hast du doch noch an der Seite der Weißen gekämpft.“
Vater seufzte. „Das war ein Fehler. Wir hätten uns nicht gemeinsam mit ihnen gegen die Herero wenden dürfen.“
„Aber die Herero sind unsere Feinde!“ Kido erhob seine Stimme. „Du hast es selbst gesagt, wir leben besser als sie in der Wüste. Lasst uns doch einfach einen Pakt mit den Weißen schließen.“
„Das war einmal, die Stammeskämpfe seit der Dürre sind lange her. Es ist egal, ob wir letztes Jahr noch auf gegenüberliegenden Seiten standen, unser wirklicher Feind sind die weißen Männer. Kaptein Witbooi hat das erkannt und im Oktober haben wir uns alle seinem Aufruf zum Widerstand angeschlossen.“ Vater fuhr fort, seine Stimme verdüsterte sich.
„Weißt du, wie grausam sie die Herero für ihren Aufstand bestraft haben, mein Sohn? Sie haben sie in die Omaheke getrieben und sie nicht wieder herausgelassen. Sie nicht an Wasserstellen rasten lassen. Sie gnadenlos verfolgt, bis Tausende von ihnen verdursteten. Männer, Frauen, Kinder. So ein Schicksal wünsche ich keinem meiner Feinde. Die Herero sind unsere Brüder. Jeder einzelne Stamm, der schon seit Langem auf unseren fruchtbaren Anhöhen oder dem roten Sand der Steppen wandert, gehört zu uns. Nur die Deutschen nicht, sie gehören nicht hierher. Wir müssen sie vertreiben. Uns darf nicht dasselbe Schicksal erlangen.“
„Dann lass mich wenigstens mitkämpfen“.
„Nein, dafür bist du noch zu jung, und unser Gegner unterscheidet nicht zwischen Vätern und Söhnen. Für sie sind wir alle nichts weiter als Vieh.“
Die Stimme seines Vaters wurde sanfter. „Du hast eine wichtige Aufgabe, es ist eine Ehre, dass du ausgewählt wurdest. Du bist der schnellste Läufer in unserem Dorf, mein Sohn. Wenn sie kommen, rennst du so schnell du kannst und warnst die anderen. Du wirst viele Leben dadurch retten, deine Mutter wird sehr stolz auf dich sein. Überlass uns das Kämpfen, dem Kaptein und den anderen Männern im Dorf. “
Kido murrte leise, doch er wusste, dass Widerspruch zwecklos war. Sein Vater hatte entschieden.
Er konzentrierte sich in den kommenden Stunden wieder auf seinen Auftrag als Späher, nichts weiter als eine Silhouette in der Nacht. Sie saßen beide stumm nebeneinander und betrachteten das vor ihnen liegende Tal, registrierten jede Bewegung, jeden Schatten, jedes kleinste Geräusch. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und Kido konnte nur erahnen, was in dem Kopf seines Vaters vor sich ging. Die Nacht wich langsam der heranrückenden Dämmerung und die Umrisse und Konturen vor ihnen verwandelten sich immer mehr in weitere Büsche, Hügel voller Gräser, Tiere und – Gewehre. Sie erblickten die Gruppe von Männern beinahe gleichzeitig.
„Still, duck dich!“ Sie zogen die Köpfe ein und suchten Schutz im Dickicht. „Es ist soweit, sie kommen.“ Vaters Stimme war ruhig und klar. „Du weißt, was zu tun ist. Lauf so schnell du kannst und achte darauf, dass dich niemand sieht. Sag dem Kaptein, sie sollen sich kampfbereit machen. Vielleicht können wir die Überraschung zu unserem Vorteil nutzen.“
„Und was machst du, Vater?“
„Ich warte hier, bis sie näher herangerückt sind und ich die Feinde zählen kann. Dann komme ich nach.“
Kido wollte seinen Vater nicht einfach ungeschützt zurücklassen und zögerte.
„Mach dir keine Sorgen, mein Junge. Und pass gut auf deine Mutter auf.“ Vater nickte ihm aufmunternd zu. „Und jetzt lauf. Lauf so schnell du kannst. Zeig ihnen, dass du der schnellste Läufer im Dorf bist.“
Kido betrachtete noch einmal die harten Gesichtszüge seines Vaters, und bevor sich seine Augen mit Tränen füllen konnten, drehte er sich um und rannte los, so schnell er konnte.